25.03.2025

Nira Priore Nouak

to draw your body in the space

Im Künstler*innenhaus Mousonturm, Probebühne im vierten Stock. Ein Vorfrühlingstag im Februar, der Blick schweift über die Dächer Frankfurts. Wir treffen Nira Priore Nouak, zeitgenössische Tanzpädagogin und Leiterin der Tanzvermittlung für das Hessische Staatsballett an den Staatstheatern Darmstadt und Wiesbaden.Was bedeutet Tanzvermittlung? Richtet sich Deine Arbeit an Profis? Oder auch an Laien, Kinder, Jugendliche?

Das Wort Laien benutze ich nicht mehr.

„Warum ich das sage? Es reflektiert meine Arbeit. Ich arbeite heute mit Kindern, mit jungen und älteren Menschen, die nicht professionell als Tänzer:innen tätig sind. Diese Menschen sind Expert:innen ihrer eigenen Körper, keine Laien. Und ich versuche, mit diesen Menschen auf Augenhöhe zu arbeiten.“

Es gibt einen Unterschied zwischen Tanzvermittlung und Tanzpädagogik, hören wir von Nira. Pädagogik ist eine wissenschaftliche Disziplin, im Tanz die Lehre der Bewegung. „Unter Tanzvermittlung verstehe ich etwas anderes. In der Vermittlung arbeite ich auf vielen Ebenen. Wie spreche ich über Bewegung? Wie sprechen wir über Tanz? Warum arbeiten einige Techniken am Boden und andere nicht? Wie kann ich bewertungsfreien Frage stellen? Wie kann ich mit einer Schulklasse versuchen herauszufinden, was sie gerade auf der Bühne gesehen haben und die Intention des Stückes vermitteln?“

In ihrer Position am Hessischen Staatsballett kreiert Nira Priore Nouak neue Vermittlungsformate, koordiniert, organisiert… zum Beispiel „Antanzen!“ – Ein offenes Format für alle Menschen, die Lust auf Bewegung haben. Es geht um Partizipation und Projektarbeit mit Gruppen.

Nur Bewegung zu unterrichten wäre zu langweilig.

Nira Priore Nouak ist in Sao Paolo, Brasilien, geboren und aufgewachsen. Mit sechs beginnt sie zu tanzen, nach acht Jahren staatlicher Ballettschule kann sie mit 18 Jahren in Brasilien erste professionelle Erfahrungen machen. "Klassisches Ballett. Man muss wirklich viel trainieren, bis man in der Profiliga ist."

Im Anschluss entscheidet Sie sich für ein Architekturstudium. Architektur und Tanz, die Auseinandersetzung mit dem Raum. War Dir dieser Zusammenhang auch damals schon bewusst? „Mein Vater war Architekt. Schon als Kind bin ich mit ihm ins Büro gegangen, habe auf Baustellen im Sand gespielt. Mit 17 oder 18 habe ich die Ballettschule abgeschlossen, aber hatte mich verletzt. Mein Vater sagte: „Ach Kind, warum lernst du nicht irgendwas anderes?“ Tanz ist auch in Brasilien eine brotlose Kunst. Davon zu leben ist hart.“ Rückblickend bezeichnet Nira das Studium der Architektur eine ihrer wichtigsten Erfahrungen.

Das Architekturstudium hat mir ein ganz neues räumliches Verständnis gegeben – to draw your body in the space.

Wann und warum bist du nach Deutschland gekommen? „Europa war für uns Künstler:innen ein Traumziel – in jeder Stadt gab es ein Theater. Und wenn ich Theater sage, meine ich die gesamte Struktur: Oper, Tanz, ein Orchester, ein Schauspielensemble, Maske, Schneiderei… Diese Struktur kennen wir in Brasilien nicht. In dieser Zeit sind sehr viele Tänzer:innen nach Europa gekommen, und ich war eine davon.“

Deutschland war Ende der Achtzigerjahre ein guter Ort für den Tanz.

1987 kam Nira mit einem großen Rucksack nach Frankfurt und reiste durch Deutschland, Österreich, die Niederlande und die Schweiz. Die ersten Monate nutzte sie, um in verschiedenen Kompanien vorzutanzen. Dann bekam sie ihr erstes Engagement. In Trier.

Von Sao Paulo nach Trier. Das war nicht immer einfach. Ich bin ein sehr urbaner Mensch.

Nach 20 Jahren Tanz an verschiedenen Bühnen machte Nira an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt einen Master for Contemporary Dance Education. „Das war ein echter Wendepunkt für mich. Ich habe damals in Frankfurt viel unterrichtet, sowohl in Schulen als auch in Tanzschulen. Aber irgendwann war ich nicht mehr ganz zufrieden. Momente, in denen ich dachte, ich muss was anderes machen, meinen Kopf mit Neuem beschäftigen oder mich mit anderen Menschen auseinandersetzen.“

Ich wollte etwas Neues lernen.

Nira absolvierte weitere Fortbildungen, unter anderem eine Ausbildung zur Lern- und Entwicklungsbegleiterin in Hamburg. Sie beschäftigte sich mit Fragen wie „Wie kann man mit Kindern arbeiten, die Lernschwierigkeiten haben?“ Eine Schnittstelle, die viel mit Niras Wahrnehmung gemacht hat.

Es folgte eine enge Zusammenarbeit mit der Crespo Foundation. „In dieser Zeit habe ich viel gemacht. Die Ausbildung in Hamburg, viele Fortbildungen zu anderen Techniken und somatischer Praxis. Und ich habe das Konzept für „KitaTanz“ geschrieben.“ 2011 hat die Crespo Foundation in Kooperation mit der Tanzplattform Rhein-Main „KitaTanz“ ins Leben gerufen: Eine Fortbildung für Erzieher:innen und pädagogische Kräfte. Das Projekt war sehr erfolgreich und hat sich weiterentwickelt. Seit 2021 heißt das Programm KINDERTANZT!. Heute ist Nira Mentorin für die Ausbilder:innen. KINDERTANZT! hat einen besonderen Anspruch, den man nicht oft in Fortbildung findet.

Frühkindliche Bildung ist ein Thema, das mich seit 18 Jahren begleitet.

„Es geht nicht darum, Kindern das Tanzen beizubringen. Man wird in der Beobachtung geschult: Was ruft eine Bewegung hervor, in welcher Entwicklungsphase sind die Kinder?“ Frühkindliche Bewegungsentwicklung zu studieren, bedeutet, zu beobachten, auf welcher Entwicklungsstufe sich ein Kind befindet und den Unterricht darauf aufzubauen. Aber das betrifft nicht nur Niras Arbeit mit Kindern: „Das ist meine Herangehensweise. Ich versuche den Raum zu lesen – wer ist da? Was machen diese Menschen? Was bringen sie mit? Was ist mein nächster Schritt?“

Irgendwann in ihrer Frankfurter Zeit lernte Nira auch die Gebärdensprache. Der erste Berührungspunkt war die Zusammenarbeit mit einer Choreografin, die die Gebärdensprache in ihren Stücken verwendete. „Das hatte etwas Ästhetisches, war eine andere körperliche Ausdrucksform.“ Doch damit nicht genug. Nira studierte auch Germanistik und Philosophie an der TU Darmstadt.“

Philosophie passt immer.

„Ich möchte wissen, wo die Dinge herkommen – warum, wieso, woher. Und die Philosophie hat so etwas, man erforscht: Was liegt hinter diesen Gedanken? Die Philosophie porträtiert den Menschen in der Gesellschaft, die Art und Weise, wie Menschen denken.“ Das ist es, was Niras Arbeit ausmacht – das genaue Beobachten, das Miteinander, das zusammen tanzen. Die Menschen dort abzuholen, wo sie sind und gemeinsam etwas Neues entstehen zu lassen.

Ich habe 20 Jahre lang getanzt. Das ist eine lange Zeit.

„Aber ich war nie wirklich zufrieden. Tanzen ist sehr fordernd, für den Körper, aber auch mental. Du bedienst die Arbeit von Choreograf:innen, musst trainieren." Natürlich hat sich auch viel verändert. Heute es gibt ein diverseres Körperbild, es ist unglaublich viel passiert in der Tanzszene der Gegenwart. "Für mich hat es sehr lange gedauert, bis ich zu dem Punkt gekommen, an dem ich sagen konnte: Das ist es. So will ich mich bewegen.“

„Irgendwann hat mich mein Sohn gefragt: Bist du Tänzerin oder bist du Lehrerin? Okay, habe ich gedacht. Ich glaube, in der Tanzvermittlung habe ich mich mehr gefunden. Ja, das ist wirklich mein Interesse.“

Meine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Kunst und Bewegung, zwischen Tanz, Interaktion und Kommunikation.

Genau der richtige Punkt für unsere Lieblingsfrage: Was ist für dich Erfolg? „Wow. Erfolg? Erfolg ist für mich, an dem Punkt anzukommen, an dem man sagen kann: Okay, ich bin die Person, die ich immer sein wollte. Ich kann mich sehr gut an diesen Moment erinnern.“

Manchmal weicht man aus, aber man kommt immer wieder zurück.

„Dann musste ich etwas anderes machen“ – ein Satz, der in diesem Gespräch oft fällt. Und doch scheint ihr Lebensweg so logisch, ihre Tätigkeit so klar. Während sie spricht, tanzt Nira mit den Händen. Ihre Art, sich zu bewegen, ihre Körperhaltung, Nira Priore Nouak ist Tänzerin durch und durch. Und ihr ganzes Leben eine Choreografie.

www.staatstheater-darmstadt.de/kuenstler/

www.tanzplattformrheinmain.de/de/tanz-vermitteln/kindertanzt/

www.hessisches-staatsballett.de/de/vermittlung/

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